“Schwesterchen, das ist doch gar kein Problem, morgen früh bin ich bei euch”, säuselte Dana durch das Handy. Innerlich verkrampfte Bobby und machte sich in Gedanken die Notiz, so schnell wie möglich ihren Pantoprazolvorrat aufzubessern. “Dana, das sind dann fast zwei Wochen, die du hier wärst. Kommt dein Mann so lange ohne dich aus? Hast du nicht gerade irgendein Yoga Seminar oder so?” “Ach Quatsch! Das macht meinem Göttergatten doch überhaupt nichts aus. Vielleicht kommt er zur Halloweenfeier sogar für eine Nacht dazu? Jetzt ist doch erstmal wichtig, dass Jonas schnell wieder gesund wird und mit der Party helfe ich dir natürlich auch. Du, da hab ich sofort ganz tolle Ideen.”
Ja, das konnte Bobby sich lebhaft vorstellen. Sie liebte ihre Schwester wirklich sehr. Alle drei Geschwister. Aber Dana war schon etwas besonders. Besonders anstrengend. Mit zwanzig Jahren heiratete Dana ihre erste Liebe aus der Schule. Das war die beste Entscheidung, die sie je traf. Niemand hätte besser zu ihr passen können, als der ausgeglichene, ruhige Erik. Denn er vergöttert sie geradezu und hielt all ihre aberwitzigen Ideen nicht nur aus, sondern bestärkte Dana auch noch. Er selbst studierte direkt nach dem Abitur Informatik und verdiente in kürzester Zeit genug Geld, um Danas wechselnde Hobbys zu finanzieren. Mal probierte sie sich als Fotografin, dann malte sie die scheußlichsten Bilder, im festen Glauben, mit ihrer Kunst das große Geld machen zu können. Außerdem interessierte sie sich für Ernährung und das Übersinnliche. Also wurde alles mit Kräutern kuriert, Pendel geschwungen und Karten gelegt. Seit kurzem leitete sie Yogakurse an. Das wäre soweit in Ordnung, denn Familie Bach lebte nach dem Motto, jedem das seine. Doch genau da lag das Problem in ihrer Geschwisterdynamik. Dana mischte sich stetig in alles ein und wusste es natürlich besser.
Ursprünglich rief Bobby ihre ein Jahr jüngere Schwester an, um sie zur Halloweenparty einzuladen und sie zu bitten, den geladenen Gästen die Karten zu legen. Doch dann hatte sie den Fehler gemacht, den fiebrigen Jonas zu erwähnen. Bobby hätte sich für den Fehler Ohrfeigen können.
“Also dann Bobby, ich lege jetzt auf und beginne zu packen. Bis morgäään!”, trällerte Dana und beendete das Gespräch. Ein weiteres Sprichwort der Familie Bach war: Familie ist wie Fisch, nach drei Tagen beginnt er zu stinken. Fast zwei Wochen war sehr viel Zeit für Gestank. Da Dana sich einfach an keine Regeln hielt, würde Bobby nun viel Lüften müssen.
Den restlichen Tag verbrachte Bobby größtenteils im Wohnzimmer mit Jonas. Der arme Kerl lag mit blassem Gesicht auf dem Sofa und freute sich, so lange Fernsehen zu dürfen, wie er wollte. Bobby hatte ihm alte Mumin Folgen von Tove Jansson angemacht und gebannt verfolgte er die Abenteuer der niedlichen Trolle. Bobby erstellte nebenbei Listen für die große Party. Sie konnte es sich nicht ganz erklären, woher ihre plötzliche Lust auf Halloween kam. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch an keiner einzigen Party zu dem Thema teilgenommen. Für sie war es bislang der klassische Reformationstag gewesen. Jetzt bestellte sie Unmengen an Dekoration, überlegte sich ein Buffet und die meisten Tickets zur Party waren bereits verkauft. Sogar zwei ihrer Pensionszimmer waren gebucht. Gerade als Bobby sich Inspiration für ein eigenes Kostüm suchte, klopfte es an der Tür und Martha betrat das Zimmer mit einem vollen Tablett. Selbstverständlich bestand sie darauf, das kranke Kind zu bekochen und zu verwöhnen: “Na mein Süßer, geht’s dir schon besser? Schau mal, ich habe dir eine ganz tolle Hühnersuppe gekocht. Die kurierte bisher alle meine Männer. Und zum Nachtisch gibt es Wackelpudding. Der rutscht so gut, wenn die Mandeln geschwollen sind.” Dann setzte sie sich zu ihm auf das Sofa und betüttelte ihn, was das Zeug hielt. Die Decke wurde ausgeschüttet, dann das Zimmer gut durchgelüftet, das Wasserglas bis zum Rand gefüllt, die Kissen im Rücken zurecht geschoben. Nur weil sie Martha bat, etwas für Jonas zu kochen, hieß es noch lange nicht, dass sie sich selbst keine Sorgen machte oder weniger für ihr Kind tat. Marthas verkniffene Miene wirkte, als wolle sie Bobby sagen, sie hätte ihren Sohn den ganzen Tag vernachlässigt. Einmal tief durchgeatmet und sich ins Gedächtnis gerufen, dass sie keine schlechte Mutter war, nur weil sie nicht alle zehn Minuten die sowieso wieder verrutschenden Kissen aufschüttelte, entspannte Bobby wieder. Dann dachte sie an Danas Anreise und ein diabolisches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, welches sie beim besten Willen nicht unterdrücken konnte. Martha und Dana in einem Haushalt? Das würde spannend werden. “Übrigens, ich telefonierte vorhin mit meiner Schwester Dana. Sie kommt schon morgen und bleibt dann bis zum ersten November.” Für einen Moment stoppte der Löffel in der Luft, mit dem Jonas gefüttert wurde, als wäre er dem Tode nahe. Misstrauisch fragte Martha: “Ist das die Schwester, mit dem ganzen Hexenzeug? Orakeln und so? Also ich weiß ja nicht. So jemand bringt doch Unglück ins Haus!” “Naja, also Unglück ist jetzt etwas übertrieben. So schlimm ist sie auch wieder nicht. Kann ich dich mit Jonas einen Moment alleine lassen? Dann bereite ich Danas Zimmer im Gästeflügel vor.” Mit einem wissenden Blick, unter hochgezogenen Augenbrauen, sah Martha Bobby aus ihren blau geschminkten Augen an. “Sie schläft also nicht hier, in deinem privaten Gästezimmer? Sieh an. Na mach nur. Am besten nimmst du gleich noch deine Jacke und Schuhe mit und gehst mal für ne Runde raus. Damit dein Immunsystem stark bleibt und du dich nicht noch bei dem süßen Racker hier ansteckst. Wir amüsieren uns schon, nicht wahr?”, fragte sie an Jonas gewandt, der müde nickte. So war es mit Martha. Immer wieder absolut übergriffig, aber eine echte Hilfe.
Danas Ankunft am nächsten Tag war herzlich. Überschwänglich wurden Jonas und Bobby von ihr gedrückt und geherzt. Schließlich wurden zwei große Koffer und drei Kisten mit Krimskram für die Party aus dem Auto ins Haus geschleppt. Bobby sah in einiger Entfernung Herrn Knudsen, der die Schwestern beim Tragen beobachtete, aber natürlich nicht näher kam, um zu helfen. Dana bestaunte das elegante Gästezimmer und bekam danach eine kurze Hausführung. Zu jedem Raum gab Dana ihr Kommentar ab und natürlich hatte sie auch für jedes Zimmer Verbesserungsvorschläge. “Das Gesellschaftszimmer ist ja entzückend! Es erinnert mich an die Bridgerton Serie. Aber ist das nicht zu viel Blumenmuster? Du magst es doch eigentlich ein wenig rustikaler, oder? Ich würde ja das Klavier da rüber schieben. Und das Sofa dann auf diese Seite und…”, so ging es weiter und weiter. Tatsächlich hatte Dana einen guten Blick für die Gestaltung von Zimmern. Ihr und Eriks Haus war bei jedem Besuch Bobbys umgeräumt, wenn nicht sogar neu gestrichen. Schon als sie Kinder waren, verschob Dana in regelmäßigen Abständen alle Möbel und trieb damit ihre Eltern und Geschwister in den Wahnsinn, wenn diese ihre Sachen nicht mehr wiederfanden. Sie hatte Recht, dass die meisten Zimmer ein wenig zu unpersönlich für Bobby’s Geschmack waren. Bobby liebte es gemütlich, mit viel Holz und skandinavischen Mustern. Oder den Bauernhausstil. Aber insgesamt war der Gutshof doch enorm schick und stimmig renoviert worden. Es gab keinen Grund, sofort etwas ändern zu müssen. Abgesehen davon, dass dann die Website neu bearbeitet werden müsste, um den Gästen den richtigen Eindruck zu vermitteln.
Die nächsten zwei Tage verliefen dann doch sehr harmonisch, was Bobby ihrer eigenen Geduld im Umgang mit Dana zuschrieb. Die Schwestern verbrachten viel Zeit vor ihren Laptops und erstellten gemeinsam eine Pinnwand auf Pinterest, um Ideen für die Party zu sammeln. Das große Büfett sollte im Esszimmer aufgebaut werden, Dana würde sich im Kaminzimmer einrichten, um an einem Tisch die Karten zu legen und im Gesellschaftszimmer würde Platz zum Tanzen geschaffen werden. Überall sollten Lichterketten und Spinnweben hängen. Erstaunlicherweise tauchte Martha in den zwei Tagen nicht ein einziges Mal auf. Die Hühnerbrühe für Jonas war Portionsweise eingefroren und Dana ließ es sich nicht nehmen, sie mit einigen Kräutern noch aufzuwerten. Auch wenn Bobby Martha nicht zu Gesicht bekam, war sie sich doch sicher, hin und wieder ihr Parfüm im Gutshof zu riechen.
Schließlich war Jonas wieder fit und Dana fuhr mit ihm auf eine Eselfarm in der Nähe, um ihren Neffen ein wenig zu verwöhnen. Bobby beschloss, die freien Stunden mal nicht mit organisieren zu verbringen, sondern sich selbst etwas Gutes zu tun. Sie wollte eine ihr unbekannte Strecke entlang des Bachensees nehmen, die ins Dorf führte.Außerdem gab es im Dorf eine kleine Bäckerei, bei der Bobby noch eine Bestellung in Auftrag geben wollte. Lars war in der Woche auf einer Fortbildung und Bobby vermisste ihn ein wenig. Wie schnell man sich doch aneinander gewöhnen kann, wenn man sich jeden Tag sieht.
Drei graue Steinstufen führten hoch zur kleinen Bäckerei, in dessen großem Schaufenster dekorative Gespenster aus Salzteig hingen. Bobby betrat gerade die erste Stufe, als aus der Bäckerei eine bildhübsche, blonde Frau trat. Als sie Bobby erblickte, erlosch sofort das Lächeln, das sie gerade noch bei der Verabschiedung der Bäckerin auf den Lippen trug. Sie ließ die Tür hinter sich zufallen und drängte sich stoisch an Bobby vorbei. Da fiel ihr wieder ein, dass sie die Frau von der Geburtstagsparty kannte. “Hey, warte doch mal!”, rief Bobby ihr nach und folgte ihr zügig. Unwillig blieb diese stehen und musterte Bobby abfällig. Ihre langen, blonden Haare fielen ihr in sanften Wellen filmreif über den Rücken und ihre vollen Lippen waren zu einem Schmollmund verzogen. Wären die Bewohner des Bachendorfes Bobby gegenüber nicht schon öfter unhöflich gewesen, wäre sie äußerst irritiert über dieses Benehmen. Vielleicht sogar eingeschüchtert. Aber so überging sie die ablehnende Stimmung einfach. “Du bist doch die Sängerin, von der Geburtstagsparty von Frau Häckel? Vor fast vier Wochen?”, fragte Bobby. Die Frau zuckte nur mit den Schultern und sah demonstrativ in eine andere Richtung. “Wenn ja, ich fand dich umwerfend und würde dich gerne für nächste Woche an Halloween engagieren, falls es nicht zu knapp ist? Ich bereite eine Party vor und habe zwar einen DJ, aber live Musik wäre wirklich toll! Natürlich würde ich dich und die Band auch gut bezahlen.” Nun drehte die Schönheit ruckartig ihren Kopf zu Bobby und wenn Blicke töten könnten, wäre dass das Ende gewesen. Wütend zischte sie: “Ja klar, nur weil Leute wie du und Nadja mit Geld um euch werft, denkt ihr, ihr könnt hier in unseren Ort kommen und uns alle kaufen, ja? Nein! Nicht mit mir. Ich werde das Gutshaus in hundert Jahren nicht mehr betreten!” Mit einer fließenden Bewegung warf sie sich ihr goldenes Haar zurück über die Schulter und stolzierte davon. Völlig überrumpelt sah Bobby ihr nach und fragte sich, wer zum Teufel Nadja war?
Als Bobby die paar Schritte zum Bäcker zurück lief, sah sie drei ältere Damen am Tisch direkt hinter dem Schaufenster sitzen. Neugierig beobachteten die Frauen Bobby und ihr war damit klar, dass sie die ganze unangenehme Szene mitbekommen hatten. Für einen Moment überlegte Bobby, an einem anderen Tag wieder her zu kommen, doch dann überwand sie sich. Beim Öffnen der Ladentür bimmelte eine Glocke und kündigte sie an. Das Licht aus den alten Lampen an der Decke ließ die Bäckerstube schummrig wirken. Die fleischfarbenen Vorhänge am Fenster wirkten leicht vergilbt. Ebenso die Häkeldeckchen auf den drei dunklen Holztischen. Aber es roch köstlich nach frischem Gebäck und Kaffee. Bobby schenkte den drei Seniorinnen ein strahlendes Lächeln und stellte sich an die Theke. Für die Feier bestellte sie fünf Apfelkuchen und fünf Kürbistorten. Außerdem noch jede Menge Baguettes, da Martha einen riesigen Topf Kürbissuppe kochen würde. Ergänzend sollte es jeweils eine riesige Wurst- und Käseplatte geben. Während Bobby ihren Einkauf mit der rundlichen Bäckersfrau durchging, hörte sie das Tuscheln der Frauen in ihrem Rücken. Wie es so typisch für Menschen im fortgeschrittenen Alter ist, gaben sich die drei keinerlei Mühe, allzu leise zu sprechen.
Schließlich drehte Bobby sich zu ihnen um und trat an ihren Tisch. “Na, die Damen? Wollen Sie mir nicht einfach persönlich mitteilen, was Sie zu sagen haben?” Überrascht von der direkten Ansprache, verstummten die drei für einen Augenblick. Bobby hob fragend ihre linke Augenbraue. Dann blickten die drei Seniorinnen sich verschwörerisch um, obwohl außer ihnen und der Bäckersfrau niemand anwesend war. Die scheinbar älteste der dreien schob den letzten freien Stuhl am Tisch auffordernd zurück und schmunzelte: “Wir hätten da schon einiges, aber leider sind unsere Kaffeetassen beinahe leer.” Bobby verstand, bestellte noch drei Pots Kaffee und setzte sich zu ihnen.
Eine gute Stunde später machte Bobby sich auf den Heimweg, wieder entlang des Wassers. Der Wind nahm stark zu und ließ die losen Blätter über den aufgepeitschten See tanzen. Nach dem Tratsch der drei von der Bäckerei, tat es Bobby unheimlich gut, sich den Kopf freipusten zu lassen.
Ein Vibrieren ging durch Bobbys Jackentasche und unterbrach ihren Gedankenfluss. Als sie das Handy herausholte, las sie Lars Namen vom Display ab. Hin und her gerissen, ließ sie es noch etwas länger klingeln, bevor sie sich überwand und den Anruf annahm. “Hi Bobby, hast du Zeit zum Quatschen? Was machst du gerade schönes?”, fragte Lars. “Bobby? Bist du da?” “Ähm, ja. Hi. Also folgendes: Ich habe gerade die drei von der Bäckerei kennengelernt.” Bobby hörte ein entnervtes Aufstöhnen von Lars. Scheinbar waren die Seniorinnen ihm bestens bekannt. “Und was haben diese alten Lästermäule dir erzählt?” “Ich fand sie eigentlich ganz unterhaltsam. Sie erzählten mir, dass du mit der Sängerin Paulina verlobt warst und ihr euch getrennt habt, weil du was mit Nadja, der Vorbesitzerin des Bachenbaus eine Affäre begannst, während diese noch mit ihrem Typen verlobt war und die sich dann auch trennten!? Seitdem sind die Leute aus dem Dorf sauer auf dich, weil damit einige Arbeitsverträge mit dem erneuten Verkauf des Gutshofes gekündigt wurden. Und natürlich wegen Paulina, die hier mit dir aufgewachsen ist und deren Familie und Freunde hier wohnen. Hinzu kommt, dass man wegen der ganzen Geschichte man mir gegenüber so skeptisch ist, weil ich bisher nur deine Eltern und einen Gärtner eingestellt habe. Und weil ich alleinstehend bin, haben die Frauen im Ort die Sorge, dass ich wie diese Nadja hier Beziehungen kaputt machen könnte. Oder, dass ich den Gutshof nach einem Beziehungsdrama auch wieder verkaufen und die Suche nach einem Nachfolger von vorne beginnen müsste. Aber zurück zu Paulina und Nadja. Stimmt das alles?” Für einen Moment war es sehr still am anderen Ende. “Können wir darüber sprechen, wenn ich zurück aus der Fortbildung bin?” “Also ich habe gerade Zeit”, antwortete Bobby mit einem sarkastischen Unterton und setzte sich auf eine verwitterte Holzbank, mit Blick auf den See. Der Wind zerrte noch immer an ihr und mehrere Locken lösten sich aus ihrem Zopf, die sie sich energisch hinter das Ohr schob. “Okay, hier die Zusammenfassung. Paulina und ich waren seit der Oberschule ein Paar. Bevor wir in unterschiedlichen Städte zogen, um zu studieren, verlobten wir uns. Mit gerade mal zwanzig Jahren. Aber dann entwickelte es sich zu so einer On- and Off Beziehung. Es wurde einfach super anstrengend miteinander. Naja, dann stritt ich mich vor einigen Monaten so heftig wie noch nie mit Pauline und löste die Verlobung offiziell auf. Für sie war es scheinbar ein Streit wie immer und sie dachte wohl, wir würden eh wieder zusammenkommen. Ich lernte aber Nadja kennen, als ich zu Besuch bei meinen Eltern war. Sie flirtete so hemmungslos mit mir, dass ich gar nicht auf die Idee kam, dass sie in einer Beziehung sein könnte. Hmmm.. der Rest stimmt dann wohl irgendwie.” Wieder schwieg Bobby. “Bobby? Es tut mir leid, dass du da irgendwie mit hineingezogen wurdest. Ich mag dich wirklich sehr und freue mich jetzt schon auf unser Wiedersehen. Wenn du noch magst?” “Klar!”, kam die Antwort schneller über die Lippen, als sie darüber nachdenken konnte. “Super! Ich muss jetzt wieder rein. Der nächste Vortrag geht gleich los. Bis ganz bald, ja?” “Bis ganz bald. Viel Spaß.” Auch wenn Lars Erklärung schlüssig klang und es keinen Anlass gab, ihm nicht zu glauben, hinterließ die ganze Geschichte einen bitteren Beigeschmack. Gleichzeitig war Bobby unendlich froh, endlich zu wissen, weshalb man ihr im Ort so distanziert begegnete. Ob deshalb auch Herr Knudsen ihr Gegenüber so schroff war? Sicher war auch sein Arbeitsplatz bedroht gewesen. Bobby beschloss, den Heimweg noch ein wenig zu verlängern und bog in den nächsten Trampelpfad ein. Ein ausführlicher Spaziergang war genau das Richtige.
Als Bobby über die Wiese am Gutshaus ankam, dämmerte es bereits. Durch den bedeckten Himmel, war es dunkler als sonst zu dieser Uhrzeit. Umso gemütlicher leuchtete das warme Licht durch die Fenster und hieß sie Willkommen.
In der Küche saßen Jonas und Dana beim Abendessen und erzählten Bobby begeistert von ihrem Ausflug. Selbstverständlich gab es auch jede Menge Fotos und Videos anzuschauen. Müde von dem langen Ausflug machte Jonas sich früher als sonst bettfertig und so saßen schon bald die beiden Schwestern allein im Wohnzimmer vor dem warmen Kamin. “Ich mach mir ein wenig Sorgen um dich und Jonas. Deine Aura ist heute überhaupt nicht gesund. Jonas erzählte mir außerdem, dass er die letzten Nächte ganz gemeine Albträume hatte”, begann Dana mit theatralischer Stimme. “Ja, heute war nicht so mein Tag. Aber ich versichere dir, dass es mir gut geht. Und Jonas war einfach krank. Es ist doch normal, dass man da nicht so gut schläft.” “Nein, nein. Ich spüre, da ist mehr dahinter. Du hast hier alles ausgeräuchert, oder? Ich habe dir doch als Einweihungsgeschenk diese große Kiste mit Räucherwerk zugesendet, für die du dich übrigens bis heute nicht bedankt hast.” “Achso, ja. Die muss noch in meinem Arbeitszimmer liegen”, erwiderte Bobby Schulterzuckend. So nett es von Dana gemeint war, Bobby hatte das Paket geöffnet und sogleich Augenrollend wieder zur Seite gelegt. Seitdem stand es in der hintersten Ecke in ihrem Arbeitszimmer und war vergessen.
Fassungslos sah Dana ihre Schwester an. “Hab ich dir denn gar nichts dazu beigebracht? Ich kann nicht glauben, dass ich in so einem alten Gemäuer wohne und es seit deinem Einzug nicht ein einziges Mal energetisch gereinigt wurde. Also ich schlafe hier keine weitere Nacht, bis wir uns darum gekümmert haben.” “Ernsthaft?” “Absolut. Steh auf, wir erledigen das jetzt!” Bobby wusste genau, dass Dana nicht mehr von dem Thema abzubringen sein würde und folgte ihr lustlos.
Bewaffnet, mit von Mönchen aus irgendeinem Kloster gesegneten Räucherstäbchen, weißen Salbei Bündel und Untersetzern, machten sich die beiden aus dem Arbeitszimmer auf den Weg in die Küche, da Bobby dort eine Packung Streichhölzer vermutete.
In der Küche überraschten sie Martha, die gerade den noch vollen Kühlschrank noch voller stopfte. Bobby stellte ihr sogleich Dana vor und Martha musterte sie skeptisch. “Was habt ihr beide denn vor?” “Wir erlösen das Gutshaus von seinen schlechten Energien.” “Was heißt denn schlechte Energien? Mit diesem Haus ist alles in Ordnung. Ich putze hier jeden Tag und sorge dafür, dass alles so ist wie es sein soll”, empörte sich Martha. “Oh! Sie sind die gute Seele des Hauses? Gott sei Dank! Bobby hat es ja nicht so ganz mit der Ordnung. Ich freue mich wahninnig Sie endlich kennen zu lernen. Es sieht hier wirklich wie in einem Katalog aus. Und so weiße Toiletten liebe ich! ” Bei diesen wohlwollenden Worten Danas geriet Martha in Verzückung und schon unterhielten sich die beiden über Reiniger gegen Kalk in Toiletten. So hatte sich Bobby das Kennenlernen der beiden nicht vorgestellt. Sie stand mit dem Karton voller Räucherzeug neben den beiden und langweilte sich zu Tode. “Könnt ihr euch morgen über sowas unterhalten? Wir haben schließlich noch was vor”, unterbrach sie die Diskussion über Essig oder Zitrone.
Neugierig blickte Martha in das Packet, von dem eine wilde Geruchsmischung aufstieg. Sofort erklärte Dana: “Das ist von Mönchen aus Griechenland gesegnetes Räucherwerk. Mir ist es sehr wichtig ein Zuhause nicht nur äußerlich, also die sichtbaren Flächen zu reinigen, sondern auch innerlich. Und dieser Gutshof hat so eine alte Seele! Hier ist doch sicherlich schon so einiges passiert und negatives gedacht worden. Hiermit werde ich es beseitigen.” “Ach, wie bei den Katholiken? Na das finde ich gut, da bin ich dabei”, sagte Martha und auf ihrem Hals erschienen vor lauter Aufregung Hektikerflecken. Ungläubig sah Bobby sie an: “Ich dachte, du bist gegen so einen Kram. Von wegen Unglück und so?” “Ach Herzchen! Das ist doch was völlig anderes! Aufräumen ist aufräumen.” Begeistert davon, eine Verbündete gefunden zu haben, nahm Dana Bobby die Kiste ab und erläuterte den beiden alles genau.
Kurz darauf liefen die drei, zwei von ihnen in sehr andächtiger Stimmung, durch das gesamte Haus. In jedem einzelnen Zimmer wurde ein Räucherstäbchen aufgestellt. Dann schritt Dana so langsam wie eine Braut durch die Kirche, entlang der Flure, alle Treppen hinauf und hinunter und murmelte Sätze wie: “Hier ist kein Platz für schlechte Energien. Wir bitten die göttliche Kraft um ein gesegnetes Zuhause. Möge alles Böse hinaus weichen und nie wieder zurückfinden.“ Schon bald tat Martha es ihr nach und Bobby musste sich entsetzlich beherrschen, keinen Lachanfall zu bekommen. Es dauerte ewig und hinterher wurde überall gelüftet, damit auch wirklich alles Schlechte hinaus in die Dunkelheit entflog. Zurück in der Küche öffnete Martha eine Flasche Weißwein und die drei setzten sich an den Tisch. Müde streckte Bobby ihre Arme und Beine aus. “Oh Gott, ich werde so gut schlafen”, sagte sie laut gähnend. “Ja, ist doch kein Wunder, jetzt wo wir alles gereinigt haben”, erwiderte Dana, nicht ansatzweise auf die Idee kommend, dass es an Bobbys langem Spaziergang oder der späten Uhrzeit liegen könnte. Martha stimmte Dana zu und stieß mit ihr an. Die Weingläser klirren leise. “Deine Hühnerbrühe war übrigens köstlich! Könntest du mir das Rezept geben? Ich habe sie noch mit einem Hauch Minze und Koriander verfeinert.” Bei dem letzten Satz verschluckte sich Martha an ihrem Wein. “Verfeinert? Die Suppe war perfekt wie sie ist, da gibt es nichts zu verfeinern!” “Also Minze macht alles frei. Den Kopf, die Atemwege und…”, weiter kam sie nicht. “Na hör mal. Meine Suppe wirkt fantastisch! Da muss nichts mehr verfeinert werden. Und dann noch mit Minze! Die hat überhaupt nichts darin zu suchen.” Zufrieden lehnte sich Bobby zurück. Genau so hatte sie es sich vorgestellt. Zwei Frauen die an ihr herum mäkelten, war wirklich eine zu viel. Sollten die beiden unter sich solche Themen klären. Leise stand Bobby auf und zog sich unbemerkt zurück. Ja, heute würde sie fantastisch schlafen.

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