Am Tag nach der Helloweenparty war Bobby noch immer wie berauscht von dem Fest.
Der Bachenbau war voller verkleideter Menschen gewesen die ausgelassen feierten. Bobby befolgte den Rat von Lars und stellte neben einem professionellen Barkeeper, Leute aus dem Dorf Bachensee ein. Zwei Studenten als Hilfe für den Barkeeper und sechs junge Erwachsene, die sich als Kellner etwas dazu verdienen wollten. Außerdem holte sich Martha, für den folgenden Tag, noch fünf Freundinnen hinzu, die mit ihr den Bachenbau von oben bis unten schrubbten und die gesamte Dekoration sorgfältig in Kisten verpackten.
Obwohl nur das Gemeinschaftszimmer zum tanzen, der Speiseraum zum essen und das Kaminzimmer zum Kartenlegen für die Party geöffnet waren, hatten sich doch noch ein paar Feiernde im Gebäude verirrt, so dass eine Freundin Marthas entsetzt ein benutztes Kondom aus einem Pflanzenkübel in einem der oberen Zimmer angelte. Martha selbst fand in der bisher ungenutzten Sauna am See einen menschlichen Kackhaufen. Ansonsten war es das typische Partychaos. Nichts, was Martha und ihre Freundinnen nicht zu beheben wussten.
Eigentlich wollten auch Bobby und ihre Schwester Dana beim Aufräumen helfen, wurden aber von Martha direkt wieder fortgeschickt. “Wir sechs sind ein eingespieltes Team, da stört ihr nur”, teilte Martha den Schwestern mit, kaum dass sie zu ihnen stießen. Dana war das nur recht, hatte sie nach all ihren Weissagungen mit den Karten für die Gäste, selbbst ordentlich mitgefeiert und etwas zu tief ins Glas geguckt.
Bobby, als Gastgeberin, hatte lediglich ein Glas Gin Tonic getrunken. Doch ihr taten die Füße entsetzlich vom Herumlaufen weh. Immerfort war sie, verkleidet als wilde Piratin, durch die Zimmer getigert, um nichts dem Zufall zu überlassen und allen Gästen ein willkommenes Gefühl zu geben. Allerdings waren ihre Stiefel definitiv zu eng gewesen. Ihr kleiner Zeh am rechten Fuß pochte so böse, wie Danas Kopf.
Nachdem Martha Bobbys Hilfe zum putzen abgelehnt hatte, versorgte Bobby ihre Gäste aus den Pensionszimmern und verbrachte anschließend mit Jonas, Dana und Danas Ehemann Erik, der für die Party extra in die Uckermark gereist war, den restlichen Tag an der frischen Luft. Sie saßen in dicke Decke eingekuschelt auf den gemütlichen Korbstühlen und tranken heiße Orange mit Ingwer. Die Erwachsenen unterhielten sich und sahen dabei Jonas zu, der auf der bunten Herbstwiese mit einem Ball spielte. Plötzlich wurde die Terrassentür aufgerissen und Martha stürzte, mit einer Freundin am Arm, auf die drei zu. Marthas Freundin zitterte. Ihr Gesicht war blass und die Augen weit aufgerissen. “Himmel”, stieß Bobby erschrocken aus. “Habt ihr noch eine Leiche beim Aufräumen gefunden, oder was ist passiert?” Martha warf ihr einen giftigen Blick zu und knallte dann eine Pappkarte vor Dana auf den Tisch. “Ach, danke! Das wäre ja doof gewesen, wenn ich die hier vergessen hätte”, sagte Dana und wollte gerade nach der Tarotkarte greifen, als Martha sie wieder in die Hand nahm. “Soll das ein schlechter Scherz sein? Da drauf steht der Tod! Und Ulla hier, hat sich beinahe zu Tode erschrocken als sie die Karte fand. Was für eine Art von Vorzeichen soll das bitte sein? Menschen den Tod vorhersagen zu wollen. Das ist wirklich… Also da fehlen mir ja glatt die Worte! Doch, und zwar Un-ge-heuer-lich!“ Bobby wäre auch mehr als überrascht gewesen, wenn Martha nicht doch noch ein passendes Wort gefunden hätte. Gespannt sah sie zwischen Dana und Martha hin und her. Für einen Moment zog sich eine steile Falte über Danas Stirn, doch dann lächelte sie schon wieder. “Du, Ulla, hast sie gefunden? Das ist ein gutes Zeichen.” Martha schnaubte empört. Dana fuhr unbeirrt fort: “Doch, doch! Die Karte wird von unwissenden oft missverstanden. Es geht hier gar nicht um den Tod per se. In der Regel geht es um Neuanfänge. Eine Phasen endet und eine neue beginnt. Es wird einen Grund haben, weshalb ich die Karte verlor und sie ihren Weg zu dir fand.” Ulla wirkte nun gar nicht mehr ängstlich, sondern äußerst interessiert. Sie sagte strahlend: “Na wenn das so ist, dann passt die Karte bestens zu mir. Wisst ihr, Kathi, meine älteste Tochter, macht mich demnächst zur Oma” Vergnügt klatschte Dana in die Hände: “Wie wunderbar! Das ist wirklich eine große Veränderung.” Schon setzte Ulla sich neben Dana und die beiden begannen zu quatschen, als würden sie sich ewig kennen. Martha starrte fassungslos auf ihre Freundin herunter. “So ein Unsinn.” Sie warf Bobby einen weiteren bösen Blick zu. Die zuckte nur hilflos mit den Schultern: “Damit hab ich doch gar nichts zu tun.” “Sie ist aber deine Schwester!” Beleidigt stapfte Martha zurück ins Haus und knallte die Tür hinter sich zu. Erik strahlte Bobby über sein Glas hinweg an: “Es ist einfach fantastisch hier.” Seufzend lehnte Bobby sich zurück in ihren Sessel und prostete ihm über den Tisch hinweg mit dem Saftglas zu.
Sonntag war alles wie zuvor. Sämtliche Gäste waren abgereist, alles sauber und eine himmlische Ruhe erfüllte das Haus. Nur den Herbstwind hörte man an den Fensterläden leise rütteln. Jonas spielte in seinem Zimmer und Bobby wollte es sich gerade mit Buch und Kuscheldecke auf dem Sofa gemütlich machen, als Lars den Kopf ins Wohnzimmer steckte. “Hi, hast du gerade Zeit für mich?” Wie jedes Mal, zog sich beim bloßen Klang seiner Stimme ihr Bauch zusammen und eine leichte Hitze breitete sich über ihre Wangen aus. Möglichst gelassen setzte sie sich auf und bot ihm mit einer Handbewegung den Platz auf dem Sofa neben sich an.
Mit wenigen, langen Schritten stand er neben ihr und ließ sich grinsend auf das Sofa fallen. “Ich habe zwei Dinge, die ich dir erzählen wollte. Erstens: Du hattest erwähnt, dass dir das Haus manchmal ein wenig zu leer vorkommt und du es beinahe gruselig findest. Ein Freund rief mich vorhin an. Seine Hündin hatte vor einiger Zeit geworfen und die Kleinen sind groß genug, um auszuziehen. Er hat sich bis jetzt um keine Abnehmer gekümmert, weil er so verliebt in die Welpen ist, dass der Abschied ihm nicht ganz leicht fällt. Wollt ihr eine Hund haben?” Natürlich hatte Jonas jedes einzelne Wort mitbekommen. Laut schrie er: “JAAAA! Bitte, bitte, bitte Mama! Ich wünsche mir schon so lange einen!” “Wir können uns die Hunde ja mal ansehen?”, erwiderte Bobby. Tatsächlich wünschte Jonas sich, so lange Bobby zurückdenken konnte, einen Hund. Es war nicht so, dass sie nicht selbst hin und wieder daran gedacht hatte, sich einen anzuschaffen. Und jetzt, mit den großen Wiesen, dem riesigen Haus, in dem sie sich tatsächlich hin und wieder gruselte, wäre es doch sehr beruhigend, alle Geräusche auf ein vertrautes Tier schieben zu können.
Kurz darauf standen sie im Garten von Lars Freund. Jonas Gesicht glühte geradezu vor Aufregung, als er sich zwischen den sechs aufgeweckten Hundekindern wieder fand. Lars Freund beantwortete geduldig alle Fragen, mit denen Jonas ihn bombardierte. Die Hundemutter war eine sanfte Golden Retriever Dame und der Vater vermutlich ein Misch aus Neufundländer und ebenfalls Golden Retriever. Zufrieden sah Bobby Jonas beim Spielen mit den Hunden zu. Ihr war von vornherein klar gewesen, wenn sie erst hier wären, dass sie sich dann auch für einen Hund entscheiden würden. Als einer der Welpen sich zu ihren Füßen setzte und sie aus dunklen Augen anblickte, kniete sie sich sofort hin, um ihn zu herzen und zu streicheln. Lars setzte sich zu ihr und räusperte sich. “Ähm, Bobby. Ich wollte dir noch was anderes erzählen. Ich habe noch eine zweite Neuigkeit. Also… Erinnerst du dich an das, was ich dir aus Griechenland erzählte? Das Projekt, mit der neuen Bepflanzung der ehemaligen Wälder und so?” Bobby nickte. Sie erinnerte sich gut an die Erzählungen von Lars. Er war so enthusiastisch und voller Ideen, dass sie selbst noch eine beachtliche Summe zur Wiederaufforstung gespendet hatte. Natürlich ohne Lars davon etwas zu erzählen, das wäre ihr unangenehm gewesen. Aber im Stillen hatte sie sich gefreut, etwas uneigennütziges mit ihrem Geld anstellen zu können. “Stell dir vor, Bobby. Ich bekam gestern den Anruf meiner Organisation, wir haben mehr als das Startkapital zusammen. Da ich von Anfang an dabei war, wollen sie mich weiterhin dem Projekt zuteilen. Vor Ort. Das Team fliegt in wenigen Tagen los. Genauer gesagt, schon in vier Tagen.” “Oh wow! Herzlichen Glückwunsch, das ist grandios!” “Danke, ich bin für neun Monate in Griechenland eingeplant.” Bobby schluckte schwer und streichelte den Hund einen Moment weiter, um sich zu sammeln. Neun Monate waren eine verdamt lange Zeit. Mehr als doppelt so lange, wie sie sich überhaupt kannten. Sie spürte genau Lars beobachtenden Blick auf sich. Sie wusste, würde sie jetzt aufblicken, wären da seine durchdringenden Augen, die sie sofort durchschauen würden. Also setzte sie ihr strahlendstes Lächeln auf, bevor sie den Kopf hob, um seinen Blick fest zu erwidern. “Das wird sicher eine wundervolle Erfahrung für dich. Außerdem habt ihr so eine wichtige Aufgabe zu lösen. Wie schön, dass du die Möglichkeit bekommen hast, weiterhin dabei zu sein.” “Danke Bobby. Du weißt ja, wie sehr ich meinen Job liebe.” Der Hund zu ihren Füßen begann mit seiner Nase sanft gegen ihre Hände zu stupsen und forderte so weitere Kuscheleinheiten ein.
So schwiegen beide und all das ungesagte und ungetane, die ganze Spannung zwischen ihnen blieb weiterhin in der Luft hängen. Würde dort auf ewig hängen bleiben. Was für eine Verschwendung an positiven Gefühlen, dachte Bobby. Was für eine Verschwendung des Universums, oder einer göttlichen Macht, oder von wem auch immer, der sich das zwischen mir und Lars hat einfallen lassen. So viel Zukunftspotential, das nicht genutzt wurde. Ein schweres Seufzen entfuhr ihr und der kleine Hund drängte sich noch dichter an sie. Ohne weiter drüber nachzudenken, nahm Bobby den Hund auf den Arm und sagte lächelnd: “Also dieser Hund wird meiner. Ich bin gespannt, für welchen sich Jonas entschieden hat.”

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