Kapitel 8 – Auszeit

Leise, aber unaufhaltsam, kritzelte der Füllfederhalter über das schwere Briefpapier und verteilte seine königsblaue Tinte.

“Liebe Sofie!

Verzeih mir bitte, dass ich in den letzten Monaten nur so unregelmäßig von mir hören ließ. Als Wiedergutmachung hältst du in deinen Händen den längsten Brief, den ich je schrieb. 

Wie geht es dir und Daniel? Und eurem süßen Sohn? Beginnt er bereits über den Boden zu robben, oder ist es dafür zu früh? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann was bei meinem Sohn dran war. Kein Wunder bei all dem damaligen Schlafmangel. Im Nachhinein fühlen sich die ersten zwei Jahre als Mutter wie ein einziger Rausch an und all die Erinnerungen verschwimmen ineinander. Zumindest geht es mir so. Vielleicht ist es bei dir anders?

So ähnlich wie damals, ging es mir auch die letzten drei Monate. Statt in einen verdienten Winterschlaf zu verfallen und meinen ersten Winter im Gutshof, mit allem drum und dran zu genießen (Adventszeit, erster Schnee, angefrorener See, kahler Wald, Wintervögel im Garten beobachten) packte mich eine unglaubliche Welle der Energie und Ideen. 

Was sich bei uns auf dem Landgut Bachenbau verändert hat:

Ich entdeckte im Büro Pläne für einen Mini Wellnessbereich im Keller, von den Vorbesitzern. Ich ließ die Karten überprüfen und siehe da: Umbau = check. 

Das bedeutet, ich bin nun stolze Besitzerin einer kleinen Indoor Sauna, Whirlpools und einem kleinen Schwimmbecken. Dazu gehört ein fantastischer Massageraum. Nun können meine Gäste, oder vielleicht auch mal ich, sich richtig durchkneten lassen. Dazu habe ich einen Vertrag mit einer Physiotherapiepraxis in der Nähe abgeschlossen. Sich spontan massieren lassen ist dann zwar nicht drin, aber es muss ja nur gut geplant werden und das übernimmt die Praxis selbst. Die Termine sind über eine App buchbar. Sie schicken dann einfach jemanden vorbei, der auch Wasserproben der Pools nimmt und sich um die Sauna kümmert. 

 Um das alles umsetzen zu lassen, kamen so viele Menschen vorbei… Jemand vom Ordnungsamt, wegen Notausgängen etc. dann eine nette Frau vom Denkmalschutz, ein Architektenkollege meiner Schwester, die Bauarbeiter… Es war ein ewiges Tür auf und Tür zu. Aber nun ist es geschafft und in drei Wochen wird der Betrieb aufgenommen.

Außerdem habe ich zwei weitere Frauen zur Reinigung des gesamten Bachenbaus angestellt. Denn die gute Martha entwickelte sich zur größten Unterstützerin meiner Pläne und hat dadurch weniger Zeit fürs alleinige Ordnung halten. Wir haben für das ganze Jahr Aktionen organisiert. Abgesehen davon, dass sich nun Mittwochs in der Bücherei die Strickenden Frauen des Dorfes versammeln, wird es ein einwöchiges Seminar zum Töpfern geben, über den Sommer buchte ich einen Tango Tanzlehrer, zu jeder Jahreszeit ein langes Wochenende mit Malkurs, und mein erstes Krimidinner-Wochenende ist auch schon geplant. Mit echten Schauspielern. Ich bin so aufgeregt! Und das sind nur ein paar der Aktionen. Wenn du wüsstest, was noch so alles in meinem Kopf herum geistert. 

Martha ist in der Umgebung so gut vernetzt wie niemand anderes. Vielleicht noch wie der Pfarrer. Aber es würde mich nicht wundern, wenn sie tatsächlich mehr Menschen kennen würde als er. Alleine schon der Umstand, dass ihm der ein oder andere Eintritt aufgrund seines Glaubens verwehrt wird. 

 Und was sich für einzigartige, talentierte Menschen in der Uckermark verstecken. Ich sag dir, den Künstler überredet zu bekommen, bei mir Malkurse zu geben, wäre ein eigener Brief wert. Jedoch möchte ich das meiner Hand nicht antun, denn auch so habe ich noch genügend zu schreiben. Ich werde dir einfach von seinen Besuchen erzählen. Die werden … lass mich nach dem richtigen Wort suchen. EIGEN. Seine Besuche werden eigenartig sein. 

Ach, insgesamt wird es einfach ein fantastisch Jahr. Über all das planen und ausfuchteln und einstellen, Versicherungssachen klären etc. blieb mir quasi keine Zeit übrig, um über jemanden nachzudenken, den ich in diesem Brief nicht weiter erwähnen möchte. Ich sag nur so viel; kaum war er in Griechenland, hörte es mit den Nachrichten und Anrufen auf. Da blieb mir doch nichts anderes übrig, als mich in die Arbeit zu stürzen.

Dummerweise hab ich es wohl mal wieder ein wenig übertrieben. Die Nächte, in denen ich aufwachte, um noch schnell etwas zu recherchieren, oder in denen ich wach lag, vor lauter Sorge, ob und wie ich das alles nur bewältigen würde, mehrten sich bereits Anfang Dezember. Pünktlich zu Weihnachten bekam ich den schlimmsten Husten und lag vier Tage im Bett. So feierte meine Familie mehr oder weniger ohne mich. Immerhin hatte Jonas die Zeit seines Lebens. Für ihn war es natürlich fantastisch, mit seinen Großeltern, Tanten und Onkeln in seinem neuen Zuhause feiern zu können. Jedes Mal, wenn er zu mir ins Schlafzimmer kam, leuchteten seine Wangen apfelrot und seine dunkelblauen Augen funkelten fast schwarz. Das hat mich schon immer an ihnen fasziniert. Ich glaubte, wenn man freudig aufgeregt ist, verfärbten sich die Augen heller und strahlend, aber Jonas Augen werden jedes mal ganz dunkel. Ein wunderschöner Kontrast zu seinen weißblonden Haaren.

Aber kehren wir zurück zu mir, bevor ich mich in Gedanken an mein liebstes Kind komplett verliere. Was auch zurückkehrte, war der gemeine Husten. Alle zwei, drei Wochen ging es von vorne los. Das Jonas sich nicht einmal bei mir ansteckte, zeigt nur, dass mein Immunsystem mir den selbstgemachten Stress wirklich übel nimmt. Weder Honig, Inhalieren, noch sonstige Medikamente schafften es, ihn zu bändigen. 

 Nicht zu vergessen die langen Spaziergänge an der frischen Luft mit unseren neuesten Familienmitgliedern. 

Die kleinen Hunde sind schon gar nicht mehr so klein. Jonas sprach von der ersten Minute an nur noch von Schokolade/Schoki. So heißt seine Hündin. Und sie macht mindestens genauso glücklich wie das süße Zeug. Ich gab meiner Hündin den Namen Praline. Beide haben herrlich braunes, weiches Fell, in das ich so gerne meine Hände und Nase vergrabe. Und ja, spätestens ab dem Punkt an dem ich bestimmte, die Hunde zu uns zu nehmen, war mir klar, dass ich ein Auto brauchte. Denn ich wollte nicht schon wieder von anderen abhängig sein, die ganze nötige Hundeausrüstung zu besorgen. Gut, so schnell geht’s nicht und dafür brauchte ich nochmal die Unterstützung von jemandem, über den ich nicht schreibe. Unweigerlich begann ich danach mit dem Fahrunterricht.

Nach all den Jahren ohne Führerschein: Ich habe nun einen. Und ich sag dir gleich: in Berlin werde ich niemals fahren! Ich bin froh hier auf dem Land zu wohnen, wo mir nur alle paar Kilometer mal jemand entgegenkommt. Das ist Aufregung genug. Martha fuhr ein einziges Mal mit mir mit. Sie nennt meinen Fahrstil eine “Gefährdung der Öffentlichkeit” und “absolut verboten”. Ich bin ein wenig geschmeichelt, dass sie das, was ich da zusammen fahre, überhaupt als “Stil” anerkennt. Für Jonas sind meine Fahrkünste ein großer Spaß. Er lacht laut, wenn ich mal wieder das größte Schlagloch mitnehme und freut sich über jede scharfe Kurve, weil ich so konzentriert auf das Geradeausfahren bin, dass ich jede zweite Abbiegung versäume. 

 Habe ich nun den Führerschein und darf ich offiziell fahren? Ja. Habe ich in der Theorie hervorragend abgeschnitten? Ja. Habe ich dem Fahrlehrer vielleicht etwas in die Hand gedrückt, um meinen Führerschein überhaupt zu erhalten?

Nun, wir waren bei meinem Husten. Ich habe mir Urlaub genommen. Ich bin für zwei Wochen an die polnische Ostsee gefahren. Ich wollte gerne auf die polnische Seite, da ich finde, dass es hier ein wenig lockerer ist. Nicht nur, dass es insgesamt mehr Kinder gibt, ohne dass sie zu stören scheinen, sondern auch mehr Strände für Hunde. Insgesamt empfinde ich die Stimmung hier einfach freier. 

 Kind und Hunde wurden in den Wagen (ich fahre einen alten Bus, so einen roten mit sieben Sitzen, wie meine Eltern ihn damals hatten) verfrachtet, und nun sitze ich hier im Cafe, schaue auf das graue, eisige Meer vor mir und erfreue mich an der frischen Luft. Es ist meine zweite und beste Woche hier. Denn für das Wochenende kamen meine Eltern dazu und nahmen Jonas und die Hunde wieder mit zurück zum Gutshof. Sie passen auf die drei auf, damit ich nochmal richtig ausspannen kann. Keine Verantwortung, nichts zu organisieren. Mein Handy ist auf Stumm geschaltet. Ich habe sogar zum ersten Mal seit Ewigkeiten ein Buch gelesen. Außerdem konnte ich die Ostsee zugefroren erleben. Was für ein Ereignis! Davon erzähle ich dir mehr bei unserem nächsten Telefonat. Oder schaffst du es doch raus zu mir in die Uckermark? Du weißt, du und deine Familie seid immer Willkommen und solltest du an einem der Events teilnehmen wollen, gib mir ganz bald Bescheid. Ich scheine eine gute Auswahl an Veranstaltungen getroffen zu haben, hier und da sind die ersten Tickets gebucht. 

Gruß und Kuss,

deine Bobby

Zufrieden steckte Bobby den Deckel auf den Füller und pustete sanft über das Papier, um die Tinte schneller zum trocknen zu bringen. Schon immer hatte Bobby lieber mit Tinte als Kugelschreiber geschrieben. Es fühlte sich einfach besser an und ihr sonst etwas sorgloses Schriftbild profitierte auch davon. Kugelschreiber rutschen einfach zu schnell. Sorgfältig faltete sie die schweren Seiten und steckte sie in den bereitliegenden Umschlag. Die Adresse ihrer besten Freundin kannte sie auswendig. Damals, als sie noch beide in Berlin wohnten, schrieben sie sich regelmäßiger. Lustige Karten, oder längere Briefe. Zu Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag sowieso. Vielleicht war dieser Urlaubsbrief der Anfang, diese Angewohnheit wieder aufzunehmen. 

Bobby bezahlte am Tresen ihren Kaffee und zog sich die volle Wintermontur an. Zum langen Daunenmantel zog sie sich die blaugrüne Wollmütze, Schal und Handschuhe an. Die Mittwochs-Strick-Damen hatten ihr das Set geschenkt. Die dicke Merinowolle wärmte sofort. Und sie war nötig. Hinter der Tür des Cafes zog der Wind an all den Haaren, die unter Bobbys Mütze heraus quollen.

 Sie nahm eine ihrer langen, roten Locken zwischen die Finger. Wie lange färbte sie ihre Haare schon rot? Auf jeden Fall schon vor Jonas Geburt. Sieben Jahre? Das war lange. Viel zu lange. Was in der Zwischenzeit alles geschehen war! 

Am Abend stand Bobby zum wiederholten Male vor dem Spiegel ihres Hotelzimmers und grinste sich zufrieden an. Die Friseurin hatte ganze Arbeit geleistet. Ihre lockigen Haare reichten trotz des Spitzen Schneidens noch immer bis über ihre Brüste und die dunkelbraune Farbe schmeichelte nicht nur ihrem blassen Hautton, sondern ließ ihre blauen, eigentlich grauen Augen geradezu strahlen. Ja, die positive Veränderung war absolut nötig gewesen. Und am nächsten Tag plante sie ein wenig shoppen gehen. 

“Na”, sagte sie zu ihrem eigenen Spiegelbild. “Vielleicht wird aus mir ja doch noch eine echte Lady. Wenn ich schon das Schlösschen habe und herausputze, ist es wohl an der Zeit, dasselbe für mich zu tun.” 

Dann verließ sie leichten Schrittes ihr Hotelzimmer, zum Abendessen in das Restaurant. 

 Dass sie den ganzen Tag nicht einmal gehustet hatte, fiel ihr vor lauter Zuversicht nicht einmal auf.


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